6. Fastenbrief für die 15. Kalenderwoche:

Inklusion und Teilhabe im 4. Lebensabschnitt

Über viele Jahre hinweg begleitete mein Kollege im Rahmen der Lebens- und Sozialberatung eine Frau, die heute über 80 Jahre alt ist. Die Kontakte entstanden, wenn das Geld nicht reichte oder Post vom Amt kam, die sie nicht verstand. Sie lebte nach vielen schweren Lebensereignissen völlig zurückgezogen. Viel Beschämtheit lag über ihr wie ein Schatten. Behutsam Anwalt des Lebens sein, Respekt bewahren vor jedem Schritt, und zu hören, was ihr im Leben widerfahren ist und was sie weitergeben möchte, das war bei der Begleitung dieser Frau einzuüben.

Ihre Verzweiflung und Verbitterung darüber, dass in der 4. Lebensphase die Kräfte weniger werden und vieles im Leben bruchstückhaft bleibt, war ihr deutlich anzumerken und es war wichtig, hier nicht gegensteuern zu wollen, sondern einfach nur mitzutragen.

Aber es gab auch Augenblicke, in denen das Glück, das auch diese Frau erleben durfte, immer wieder aufleuchtete, z. B. wenn sie an die Kindheit und ihre Eltern dachte.

Das erinnert mich an Psalm 106,2: „Wer kann die großen Taten des HERRN alle erzählen und sein Lob genug verkündigen?

Das ist für mich praktische Inklusion: Lauschender sein – mit Respekt und Interesse. Dazu möchte ich ermutigen. Eine Gesellschaft lebt auch aus der Achtsamkeit denen gegenüber, die vor uns über diese Erde wanderten.

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